Einige Gedanken zu The Ides of March

Es gab eine Prioritäten- bzw. Interessenliste für diesen Kinoabend, und The Ides of March stand darauf eher weiter unten. Jedenfalls deutlich hinter dem französischen Erfolgsfilm Intouchables, für den wir uns eigentlich an der Kinokasse anstellten; „eigentlich“, denn gerade vor uns hatte eine Schülerhorde eingecheckt (wo bitte sind die Zeiten, wo man Unterrichtszeit für Kinobesuche verwendet hat und nicht den frühen Abend?!), sodass der leicht verzweifelte Kassenmensch sich genötigt sah zu verkünden, dass er „für Ziemlich beste Freunde [Intouchables] nur mehr so… vier… Plätze in der ersten Reihe frei“ hätte. Weil man sich auch ohne herandräuende Genickstarre etwas Interessanteres vorstellen kann als einen Kinosaal mit schon aus Prinzip (es wurde immerhin von Lehrern verordnet!) zum Gutteil desinteressierten Schülern zu teilen, machten wir kehrt. Drehten allerdings noch eine Runde über das quasi benachbarte und „verschwägerte“ Kino (für die, die Wien kennen: das erste war das Votiv, das zweite das De France). Wo in ca. einer Viertelstunde eben The Ides of March starten sollte; in Originalfassung mit (leider deutschen) Untertiteln.

So kurzentschlossen bin ich lange in keinen Film gegangen und kann nur sagen: Es hat sich, allen anfänglichen Zweifeln zum Trotz, absolut ausgezahlt. Wobei „anfängliche“ Zweifel sich auf die Zeit vor dem Filmstart und keineswegs auf den Anfang des Filmes selbst beziehen, denn der nimmt einen gleich gefangen. Ryan Gosling, der auf den Plakaten wie in der Berichterstattung über den Film mehr oder minder hinter George Clooney verschwindet, ist in Wahrheit ein herausragender Protagonist, der Clooney womöglich auch dann an die Wand gespielt hätte, wenn tatsächlich der von letzterem dargestellte Präsidentschaftskandidat Mike Morris die Hauptperson wäre. Philip Seymour Hoffman, das hatte ich im Vorhinein praktisch übersehen, spielt übrigens auch mit – und das wie immer auf hohem Niveau, in der herrlichen Rolle eines Mannes, der an seiner bedingungslosen Loyalität festhält und den Schaden, den er dabei anrichtet, nicht sieht (oder nicht sehen kann).

Gosling nun, der spielt Co-Wahlkampfleiter Stephen Meyers, gerade 30 Jahre alt, der an die von ihm selbst mitproduzierte Propaganda tatsächlich glaubt und für die Erfüllung seines politischen Traumes – der Präsidentschaft eines für US-Verhältnisse sehr Linksliberalen – bereit ist, so einiges aufzugeben bzw. zurückzustecken. Privatleben etwa, Gefühle und, wer weiß, sogar moralische Bedenken. Doch wehe, wenn einer, der an seine Idole nicht zu hundert, sondern zu mindestens hundertfünfzig Prozent geglaubt hat, herausfinden muss, dass jeder Mensch Fehler macht und vielleicht sogar gravierende…

Der Film spielt im Jahr 2011, die Figur Stephen ist also 1981 geboren; wohl weil ich selbst aus diesem Jahrzehnt stamme und den Song daher schon längere Zeit sehr mag, geht mir dazu Born in the Eighties von Milow nicht mehr aus Kopf: „If that’s what it takes, then I’ll sell my soul, as long as there’s something that I can control“ – Stephen aber konnte selbst mit seiner Seele letztlich nicht das kleine bisschen Kontrolle über sein eigenes Leben erkaufen; was Wunder, dass er dann mit voller Berechnung geistig und gesinnungsmäßig Amok läuft. Das Wunderbare ist übrigens, dass The Ides of March ein (jedenfalls in meiner Interpretation) offenes Ende hat: Es bleibt unserer Entscheidung als Zuschauer überlassen, ob Stephen sich letztendlich seine Seele oder seine Kontrolle zurückholt.

2 Kommentare (+add yours?)

  1. Sancha
    Jan 28, 2012 @ 10:14:35

    1. moderates Internet-Lebenszeichen!
    Dass George Clooney so von Ryan Gosling überschattet wird, erstaunt mich, weil ich – ohne jetzt besonderer Clooney-Anhänger zu sein – diesen doch für einen ausgezeichneten Schauspieler (und Regisseur) halte. Aber vielleicht ist es auch nur so, dass er einfach – noch – die besseren Hollywood-Connections hat. Jedenfalls scheint es ein Film mit Starbesetzung zu sein, der aber, glaube ich, nicht unbedingt in meine Interessensbereiche fällt.
    Mein erster Film “nach der Kasernierung” wird wohl eher “Tinker, Tailor” sein.
    :-) Yeah, yeah, wann auch immer sie ihn rausrücken.


  2. Jan 28, 2012 @ 14:39:45

    Präzisierung: Es war nicht so gemeint, dass Clooney nix kann (wobei ich dazusagen muss, dass er bei mir immer auch gegen sein Image als angeblich schönster Mann Hollywoods “anspielen” muss, also es eh schon schwer genug hat ^^) und ich glaube, dass er (als ja auch Regisseur und Zeugs) sich bzw. die Größe seiner Rolle bei diesem Film einfach absichtlich zurückgenommen hat. Aber das Potential, dass Gosling auch einen Clooney an die Wand spielen könnte, meine ich doch bemerkt zu haben. Das Witzige ist übrigens, dass der Film vom Thema her (estadounidense Innenpolitik – gähn) nach wie vor nicht in meinen Interessensbereich fällt, ich ihn mir aber wegen der schauspielerischen Leistung jederzeit wieder anschauen würde.
    Und sonst: Tinker, Gary, Colin, Ben… oder so ähnlich! :D Ich lese übrigens gerade schon den nächsten Le-Carré-Roman (also eigentlich den ersten)…

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