Einige Gedanken zu The Ides of March
27 Jan 2012 Hinterlasse einen Kommentar
Es gab eine Prioritäten- bzw. Interessenliste für diesen Kinoabend, und The Ides of March stand darauf eher weiter unten. Jedenfalls deutlich hinter dem französischen Erfolgsfilm Intouchables, für den wir uns eigentlich an der Kinokasse anstellten; „eigentlich“, denn gerade vor uns hatte eine Schülerhorde eingecheckt (wo bitte sind die Zeiten, wo man Unterrichtszeit für Kinobesuche verwendet hat und nicht den frühen Abend?!), sodass der leicht verzweifelte Kassenmensch sich genötigt sah zu verkünden, dass er „für Ziemlich beste Freunde [Intouchables] nur mehr so… vier… Plätze in der ersten Reihe frei“ hätte. Weil man sich auch ohne herandräuende Genickstarre etwas Interessanteres vorstellen kann als einen Kinosaal mit schon aus Prinzip (es wurde immerhin von Lehrern verordnet!) zum Gutteil desinteressierten Schülern zu teilen, machten wir kehrt. Drehten allerdings noch eine Runde über das quasi benachbarte und „verschwägerte“ Kino (für die, die Wien kennen: das erste war das Votiv, das zweite das De France). Wo in ca. einer Viertelstunde eben The Ides of March starten sollte; in Originalfassung mit (leider deutschen) Untertiteln.
So kurzentschlossen bin ich lange in keinen Film gegangen und kann nur sagen: Es hat sich, allen anfänglichen Zweifeln zum Trotz, absolut ausgezahlt. Wobei „anfängliche“ Zweifel sich auf die Zeit vor dem Filmstart und keineswegs auf den Anfang des Filmes selbst beziehen, denn der nimmt einen gleich gefangen. Ryan Gosling, der auf den Plakaten wie in der Berichterstattung über den Film mehr oder minder hinter George Clooney verschwindet, ist in Wahrheit ein herausragender Protagonist, der Clooney womöglich auch dann an die Wand gespielt hätte, wenn tatsächlich der von letzterem dargestellte Präsidentschaftskandidat Mike Morris die Hauptperson wäre. Philip Seymour Hoffman, das hatte ich im Vorhinein praktisch übersehen, spielt übrigens auch mit – und das wie immer auf hohem Niveau, in der herrlichen Rolle eines Mannes, der an seiner bedingungslosen Loyalität festhält und den Schaden, den er dabei anrichtet, nicht sieht (oder nicht sehen kann).
Gosling nun, der spielt Co-Wahlkampfleiter Stephen Meyers, gerade 30 Jahre alt, der an die von ihm selbst mitproduzierte Propaganda tatsächlich glaubt und für die Erfüllung seines politischen Traumes – der Präsidentschaft eines für US-Verhältnisse sehr Linksliberalen – bereit ist, so einiges aufzugeben bzw. zurückzustecken. Privatleben etwa, Gefühle und, wer weiß, sogar moralische Bedenken. Doch wehe, wenn einer, der an seine Idole nicht zu hundert, sondern zu mindestens hundertfünfzig Prozent geglaubt hat, herausfinden muss, dass jeder Mensch Fehler macht und vielleicht sogar gravierende…
Der Film spielt im Jahr 2011, die Figur Stephen ist also 1981 geboren; wohl weil ich selbst aus diesem Jahrzehnt stamme und den Song daher schon längere Zeit sehr mag, geht mir dazu Born in the Eighties von Milow nicht mehr aus Kopf: „If that’s what it takes, then I’ll sell my soul, as long as there’s something that I can control“ – Stephen aber konnte selbst mit seiner Seele letztlich nicht das kleine bisschen Kontrolle über sein eigenes Leben erkaufen; was Wunder, dass er dann mit voller Berechnung geistig und gesinnungsmäßig Amok läuft. Das Wunderbare ist übrigens, dass The Ides of March ein (jedenfalls in meiner Interpretation) offenes Ende hat: Es bleibt unserer Entscheidung als Zuschauer überlassen, ob Stephen sich letztendlich seine Seele oder seine Kontrolle zurückholt.
# 003
20 Jan 2012 1 Kommentar
in Querfeld Tags:Gedankensplitter
„The person, be it gentleman or lady, who has not pleasure in a good novel, must be intolerably stupid.“
(Jane Austen, Northanger Abbey)
Notizen der Woche 03
08 Jan 2012 5 Kommentare
in Querfeld Tags:Prag, Reise, Wochenrückblick
Diesmal: Kleine Reminiszenzen eines Prag-Aufenthaltes.
MO: Tschechische Autobahn als Rumpelpiste, frei nach meiner ehemaligen Religionslehrerin: „Andere Leute wünschen sich einen Massagesessel.“
DI: „Classic Petra live at Nashville“ im Vor-Frühstücksfernsehen – nette Senderwahl, liebes Hotel.
MI: Entkoffeinierter (!) Tee ist auch keine Lösung…
MI: Das Busticket, oh das Busticket für die Heimfahrt – warum steht da ein falsches Datum drauf? Und: Danke, Herr Buschaffeur, dass Sie uns trotzdem mitgenommen haben!
Icchokas Meras: Remis für Sekunden
07 Jan 2012 Hinterlasse einen Kommentar
in Querfeld Tags:Geschichte, Lesen, Literatur
Während des Zweiten Weltkrieges: Isaak, siebzehneinhalb und begnadeter Schachspieler, lebt im jüdischen Ghetto einer litauischen Stadt und ist zum ersten Mal verliebt. Alle seine Geschwister sind bereits durch die Nazis umgekommen; Isaak selbst ist der (bislang stets überlegene) Schachpartner des Ghettokommandanten Schoger. Als dieser befiehlt, alle Kinder aus dem Ghetto abzutransportieren, ist es ausgerechnet Isaaks Vater, der ausgesandt wird, um um den Verbleib (und damit das Leben) der Kinder zu bitten. Und Schoger schlägt ihm einen grausamen Handel vor: Wenn Isaak das nächste Schachspiel gewinnt, bleiben die Kinder im Ghetto – doch Isaak wird erschossen. Wenn Schoger gewinnt, werden die Kinder abtransportiert – und Isaak bleibt im Ghetto, Schoger hat also weiterhin seinen Schachpartner. Isaak ist zunächst entschlossen, zu gewinnen, sich selbst zu opfern – bis Schoger während des Spiels hinzufügt, dass Isaaks Geliebte sein Schicksal teilen wird. Nun gibt es nur noch einen Weg: ein Remis, beinahe unmöglich zu erreichen…
Ein atmosphärisch dicht geschriebener Roman, der ständig zwischen drei Erzählebenen wechselt: Isaaks bisherigen Erlebnissen im Ghetto, den Schicksalen seiner Geschwister und natürlich dem über Leben und Tod entscheidenden Schachspiel. Ein spannendes, vor allem aber durch und durch ergreifendes Buch, aus einer von NS-Besetzung und Holocaust betroffenen Region Europas, die im deutschen Sprachraum normalerweise eher wenig beachtet wird – und von einem Autor, der selbst als Kind den Holocaust überlebt hat.
Remis für Sekunden (litauischer Originaltitel: Lygiosios Trunka Akimirka) wurde 1963 erstveröffentlicht und erschien auf Deutsch 1995 bzw. 2001 im Berliner Aufbau Verlag.



Die letzten Gerüchte…